#1 Ich und DIESE Situation

Ich stecke fest…Ich fühle mich krank… Alles fällt mir schwer… Nicht einmal mich mag ich…

Ich habe schon zwei Beiträge zu meiner jetzigen Situation geschrieben, doch möchte ich jetzt noch tiefer gehen, noch konkreter werden.

Wieso schreibe ich das alles auf?

Zum einen ist es Selbstheilung. Ich kann mir mal alles von der Seele reden. Zum anderen möchte ich Menschen ermutigen keine Angst zu haben. Keine Angst zu haben falsch zu sein oder ein schlechter Mensch zu sein, wenn man in dieser Krise steckt. Ich weiß, ich bin kein Unmensch, aber dennoch denke ich, dass ich viele verletze. Viele Menschen haben Stress auf Arbeit oder Stress zu Hause. Viele können diesen Druck einfach nicht mehr standhalten. Sie denken, dass sie den Ansprüchen, welche das Leben ihnen stellt, nicht mehr gewachsen sind. Sie wollen perfekt sein. Perfekt in die Gesellschaft passen. Und hat man dieses Gefühl nicht mehr, fühlt man sich schlecht. Man hat Versagensängste, Ängste nicht mehr mithalten zu können. Und zack ist man in dieser Spirale fest gefangen und kommt da nicht mehr so leicht wieder raus. Bei mir war und ist es genauso. Ich habe das Gefühl nicht mehr ICH zu sein. Ein Roboter, der Dinge tut, um anderen zu gefallen. ICH bin nicht mehr wichtig. Eigentlich dachte ich, dass es nur eine kurze Phase ist. Halt so eine Schaffensphase. Einmal reflektieren, ob ich noch auf dem rechten Weg bin, schauen was ich noch alles im Leben erreichen will. Doch diese Phase ist länger und extremer. Erst waren es berufliche Probleme und dann kamen private Angelegenheiten dazu. Ich stelle jetzt sogar mein perfektes Familienleben in Frage.

Aber wie fing das ganze bei mir an?

Als junges Mädchen wollte ich gerne Kindergärtnerin werden. Doch man sagte mir, dass es ein sehr anstrengender Beruf ist (was es definitiv ist; hier ein Hoch auf alle Erzieher!!!). Da ich von Anfang an mit Büchern aufgewachsen bin und ich meinem Bruder immer etwas vorlesen musste, machte ich ein Praktikum in der Stadtbibliothek. Die Arbeit dort fand ich interessant und so blieb ich in dem Beruf hängen. Die Ausbildung machte mir sehr viel Spaß. Die Arbeit war vielseitig und ich war immer gleich vor Ort, wenn die neuesten Bücher ins Regal kamen. Jetzt nach 15 Jahren arbeite ich immer noch in der Bibliothek. Und ehrlich gesagt habe ich immer gedacht, dass es mein Traumberuf ist. Doch jetzt, nach so vielen Jahren, ist mir endlich ein Licht aufgegangen. Es ist einfach nicht mein Beruf, den ich bis zur Rente ausüben möchte. Ich bin jetzt in der vierten Bibliothek und jedes Mal habe/hatte ich irgendetwas auszusetzen. Mal war es das Umfeld, dann die Kollegen, oder der Arbeitsbereich. Ich schob es immer auf die äußerlichen Einflüsse, dass ich in dem Arbeitsumfeld nicht so warm wurde. Doch es kann nicht in jeder Bibliothek an den Anderen oder an den Aufgaben liegen. Es liegt definitiv an mir. Jetzt endlich ist mir klar geworden, dass ich den falschen Beruf gewählt habe. Ich bedaure es, dass ich es erst nach 15 Jahren gesehen habe und nicht schon viel früher. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass diese berufliche Situation der Grund für meine jetzige Situation ist.

Wie ist es denn, wenn man jahrelang nach der beruflichen Erfüllung sucht? Wie ist es, wenn man jeden Tag zur Arbeit geht und sich damit nicht identifizieren kann? Wie ist es, wenn man mit einem mulmigen Gefühl zur Arbeit geht? Es ist auf deutsch gesagt ein scheiß Gefühl. 

Am schlimmsten ist es aber, wenn man sich dies nicht eingesteht. Wenn man es einfach nur so hinnimmt. Es am besten noch runterspielt: „Ach ist doch nicht so schlimm. Hauptsache man hat Arbeit. Teilzeit zu arbeiten kriegt man doch ganz gut hin.“

Ja, genauso habe ich auch immer gedacht: „Ist doch nicht so schlimm. Anderen Leuten geht es viel schlechter.“

Das ist auch vollkommen richtig. Ich kann mich auch überhaupt nicht beschweren. Und ich glaube es ist auch ein ganz toller Job. Doch ist es einfach nicht MEIN Job. Und das war und ist für mich einfach nur Stress. Ich musste mich immer irgendwie motivieren zur Arbeit zu gehen. Ich habe mir die Arbeit gut geredet. Doch das ist nicht der Sinn der Sache. Das, was man jeden Tag macht, sollte Spaß machen, sollte einen glücklich machen, sollte erfüllend sein und für einen Sinn ergeben.

Und dieser ganze Frust und Stress hat mich über kurz oder lang ausgeknockt. Es fing Anfang Mai dieses Jahres mit Magenschmerzen und Müdigkeit an. Ich fühlte mich schlapp und alles fiel mir sehr schwer. Außerdem wurde mir das Familienleben zu viel. Ich wollte einfach nur raus. Raus aus meinem Leben. Für eine gewisse Zeit alles zurücklassen und durchatmen.

Für mich war es am Anfang einfach eine Phase. Eine Verschnaufpause. Ich sah es als eine Pause. Eine Pause, um wieder Energie und Kraft zu tanken. Ich habe mich dafür vier Wochen krankheitsbedingt rausnehmen lassen. Diese Zeit nutzte ich auch wirklich um „runter zu kommen“, habe mir Gedanken gemacht, was ich will und nicht will. Aber trotzdem merkte ich da schon, dass sich vieles in meinem Leben verändert hat. Ich fühlte mich nicht mehr so klar. Fühlte mich und in meinem Körper verloren.

Das schlimmste für mich war, dass ich von jetzt auf gleich weder Gefühle zu mir noch zu meiner Familie empfinden konnte. Alles war wie weggeblasen. Vorher liebte ich meine kleine Familie über alles. Ich wollte keinen Tag ohne sie sein. Die Familie war mein Lebensmittelpunkt. Und dann war über Nacht alles weg. Keine Gefühle waren mehr da.

Nach den vier Wochen hatte ich drei Wochen Urlaub. Ich hatte gehofft, dass es dort besser wird.

Und an der Ostsee konnte ich abspannen, Wind durch meinen Kopf pusten lassen und einfach nur ICH sein. Ich fühlte mich frei. Ich spürte, dass dies mein Kraftort ist.

Doch zurück in Lüneburg wurde alles nur noch schlimmer…

Als ich nach dem Urlaub wieder in Lüneburg war, war ich ganz hippelig. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl. Es erdrückte mich. 

In der restlichen Zeit im Urlaub konnte ich ganz gut mit der Situation umgehen. Denn ich wusste, ich brauche nicht zur Arbeit, ich habe frei. Doch geht es jetzt soweit, dass ich mich selbst in meiner Wohnung nicht mehr wohlfühle. Ich wohne mit meiner Familie in einer recht großen Wohnung. Trotzdem fühle ich mich in der Wohnung eingeengt. Es ist so, als ob ich eine Decke über meinem Körper spüre und ich diese nicht abstreifenkann. Ich kann mich nicht befreien. Am liebsten würde ich schreiend rauslaufen. 

Eigentlich sollte die Wohnung ein Zufluchtsort sein. Ein Ort, in dem man sich wohlfühlt, wo man sich geborgen fühlt, wo man glücklich ist, wo alles rundherum schön ist. Doch dieses Gefühl habe ich nicht mehr. Jetzt ist es eher so, dass ich mich gar nicht mehr in der Wohnung aufhalten möchte. Am liebsten bin ich immer unterwegs, bloß nicht zu Hause.

Nach dem Urlaub ging ich noch für eine Woche zur Arbeit. Doch merkte ich sofort wieder, dass irgendetwas in mir brodelt…

Ich möchte gerne in diesem und in den weiteren Beiträgen authentisch sein. Deswegen werde ich immer mal ein paar ganz persönliche Einträge aus meinem Tagebuch zitieren … 

Hier ein Eintrag vom 6. August 2019 – der erste Arbeitstag nach dem Urlaub:

Ich bin ein Zombie. Ein Wrack. Ich fühle Nichts. Alles ist so unreal. Ich habe nur noch einen Körper. Eine Hülle. Keine Gefühle, keine Emotionen. Mir ist alles egal.

Doch wie kommt das? Was ist bloß mit mir geschehen? Heute auf dem Weg zur Arbeit spürte ich im Kurpark schon, wie ich die negative Energie der Arbeit aufnehme. Ich wusste nicht was mich erwartet. Und trotzdem merkte ich diesen Schleier. Diese dicken schwarzen Wolken. Diese negative Energie sauge ich auf wie ein Vampir. Auf einmal bin ICH diese negative Energie. Ich will es nicht. Doch kann ich nichts dagegen unternehmen. Die Energie hat mich in ihren Bann gezogen. Ich komme da nicht mehr raus. 

Ich komme in das Gebäude rein und merke sofort diese Enge. Mein ganzer Körper zieht sich zusammen. Ich bin eingesperrt in meinem Körper.

Vielleicht ist das alles nur Einbildung. Vielleicht steigere ich mich da zu tief rein. Aber ich kann dagegen nichts tun. Ich fühle mich in dem Gebäude, wie in der Hölle. Eigentlich in ganz Lüneburg. Ich bin hier einfach nicht frei. Ich bin hier eine gefühlslose Person.

Ich komme in mein Büro. Und es regnet. Es regnet wie aus Eimern. Was soll man dazu sagen? Besser kann ich meine Stimmung nicht in Worte fassen.

Auf Arbeit kann ich mich schlecht konzentrieren. Ich stehe total unter Strom, bin total hippelig und aufgekratzt. Ich habe den Drang schreiend wegzulaufen.

Ich sehne mir jeden Tag den Feierabend herbei. 

Ich bin ein Roboter. Ich fühle keine Freude. Mache alles so herzlos – weil es von mir verlangt wird. Ich bin emotionslos.

Ich fühle mich gerade wie ein Alien, der auf der Erde gelandet ist – wurde hierher gebeamt (und so fühle ich mich ja auch, da ich von jetzt auf gleich diese Krise bekommen habe) und nun weiß er nicht was mit ihm los ist. Er weiß nicht wo er ist, was er machen soll. Er fühlt sich fehl am Platz.

Noch paar Tage ging ich so auf Arbeit. Ich hoffte, dass es besser wird. Doch es wurde immer schlimmer. Und deswegen ging ich wieder zum Arzt. Und ich habe endlich verstanden, dass ich ohne Hilfe da nicht mehr rauskomme…


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