#2 Ich und DIESE Situation

Am Anfang dachte ich ja noch, dass meine Situation nur eine Phase ist. Ich brauche einfach eine gewisse Zeit um durchzuatmen.

Ich interessiere mich seit über einem Jahr für die Persönlichkeitsentwicklung. Ich habe mir da schon sehr viel angelesen und viele inspirierende Podcasts gehört. All das, was ich gelesen habe, macht so viel Sinn. Und zu dieser Zeit, in der ich die Sachen gelesen und gehört habe, war meine Welt auch noch in Ordnung. Da war in meinem Leben noch alles perfekt. Ich konnte die Sachen, die ich aufgenommen habe, sehr gut in meinem Leben integrieren.

Auf sein Herz hören, oder wie war das?

Ich habe immer mal Posts über Persönlichkeitsentwicklung auf Instagram geschrieben: Das man auf sein Herz hören sollte, dass man sein eigenes Leben leben sollte und nicht das eines Anderen, usw. 

Diese Posts habe ich auch noch geschrieben, als es mir schon schlechter ging. Keine Ahnung wieso. Denn eigentlich fühlte es sich nicht mehr richtig an, eigentlich konnte ich viele Sachen gar nicht mehr so annehmen. Vielleicht wollte ich mir damit selbst etwas einreden, wollte mir selbst Mut machen, mich selbst ermutigen auf mein Herz zu hören, endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Lange Rede, kurzer Sinn… Hier mal ein kleiner Ausschnitt aus meinem Tagebuch:

Freitag, 02.08.2019

Ich gebe Anderen den Rat ein erfülltes Leben zu führen. Sie sollen Ihr Leben leben und nicht das eines Anderen. Wenn sie unglücklich sind, sollten sie etwas ändern. Auf Instagram tue ich so, als ob ich wüsste, wie alles funktioniert. Tue so, als ob alles perfekt in meinem Leben wäre. Es hat den Anschein, dass ich glücklich und zufrieden bin. Ich nehme mir heraus, den Anderen gute Ratschläge zu geben. 

Doch eigentlich ist es in meinem Leben überhaupt nicht perfekt. Ich versuche zwar so zu tun, doch es klappt in keiner Weise. Ich bin nicht glücklich. Eigentlich möchte ich, dass alles perfekt ist. Und bis vor zwei Monaten war auch noch alles perfekt – privat gesehen. Ich war glücklich. Das Familienleben war so, wie ich es mir vorgestellt habe. Klar gab es immer mal Streit, doch das war nicht der Rede wert. 

Aber jetzt ist nichts mehr wie es mal war. Es hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Von heut auf morgen fühlte ich nicht mehr die Verbundenheit. Alles war mir zu viel. Ab dann hatte ich diesen Freiheitsdrang. Ausbrechen. Sachen packen und abhauen.

Bei mir spielt natürlich noch die berufliche Unzufriedenheit eine große Rolle. Sie zerfrisst mich von innen heraus. Am Anfang schien alles perfekt. Doch nach und nach merkte ich, dass sie mir nicht guttat. Und das nach dieser großen Entscheidung von Hamburg nach Lüneburg zu ziehen. Aber ich werde nicht mein Leben lang einem Job nachgehen, der mir nicht guttut, der für mich wie ein Ballast an meinem Bein klebt.

Ich frage mich, was auf einmal geschehen ist, dass ich mich so krass verändert habe. Wieso ist mir alles, was mir vor wenigen Monat noch so heilig und wichtig war, so egal geworden. Nein, egal ist nicht das richtige Wort. Meine Familie ist mir nicht egal. Aber ich fühle mich durch das Familienleben so eingeengt. Ich merke, dass ich nicht zu hundert Prozent ICH sein kann. Das Faszinierende dabei ist: bis vor kurzem war mir das ja gar nicht bewusst bzw. da fühlte ich mich ja noch gar nicht eingeengt. Da war noch alles okay. Aber jetzt ist mir das alles zu viel. Ich kann nicht das machen, was ich machen möchte. Ich muss auf so vieles Rücksicht nehmen…

… Ich glaube ja fest daran, dass jeder auf dieser Welt eine Aufgabe hat. Und, dass es einen Sinn hat, dass er genau zu diesem Zeitpunkt auf der Erde ist. Also, was ist meine Aufgabe? Wieso bin ich hier? Wieso muss ich jetzt das alles durchleben? Wieso kann ich nicht einfach ein glückliches Leben, wie auch bisher, weiterführen? Wieso??? Was ist mit mir geschehen?

Bin ich nicht hier, um ein erfülltes Leben zu führen?

Habe ich nicht oft in meinen Posts geschrieben, dass man auf sein Herz hören soll. Doch eigentlich tue ich das zurzeit nicht. Denn so wie ich jetzt lebe, fühlt es sich nicht richtig an. Ich bin nicht in meiner Mitte. Lebe ein schwankendes Leben, mal rechts, mal links. Mein Herz möchte eigentlich ein selbstbestimmtes Leben führen. Beruflich gesehen sagt mir mein Herz schon seit über acht Jahren, dass ich mich selbstständig machen soll. Auch meine Schicksalszahl prophezeit mir das. Und warum habe ich es nie getan? Weil ich der größte Angsthase bin. Lieber den leichten Weg gehen: ein sicherer Job, der jeden Monat für das Wohl sorgt. Aber was habe ich davon, wenn es mir schwer fällt zur Arbeit zu gehen. Sollte ich nicht mit Freude zur Arbeit gehen? Sollte ich nicht meine kostbare Energie und Zeit in etwas investieren, was mir nützt, womit ich den Menschen unterstützend helfen kann. Und das machen, womit mein Herz zu hundert Prozent zufrieden ist? JA, JA, JA

Wie ich oben schon geschrieben habe, interessiere ich mich schon eine längere Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung. Das hört sich auch alles immer so einfach an. Die Tipps, die die Autoren oder Coachs geben, waren für mich auch vor der Phase nachvollziehbar und klar verständlich. Ich konnte mich damit gut identifizieren und dachte, dass das doch recht einfach ist: dieses „Persönlichkeitsdings“.

Doch jetzt in der Tiefe meiner Krise kann ich dies alles nicht mehr hören und lesen. Es hört sich alles so einfach an: Ich brauche nur auf meine Intuition hören und meinem Herzen folgen. Für mich gerade totaler Bullshit. Es ist nämlich viel schwieriger als gedacht aus diesem Tief zu kommen.

Wie oft habe ich gelesen und gehört: „Doch natürlich ist es ganz einfach. Ändere einfache deine Sichtweise. Schaue in dich hinein. Frage dich, was du wirklich brauchst. Und dann wird sich alles fügen“ Ja, gut möglich. Und vielleicht gibt es Menschen, die nach dem Lesen der Bücher ihr Leben verändern können. 

Ohne professionelle Hilfe geht es doch nicht

Doch ich merke, ohne Hilfe geht es bei mir nicht. Deswegen nahm ich den Rat meines Arztes an und machte mich auf die Suche nach einem Psychologen.

Ich fand es erst befremdlich. Meine Gedanken waren: „Zum Psychologen gehen doch nur wirklich Kranke. Menschen, die psychische Probleme haben. Dazu zähle ich doch nicht. Eigentlich bin ich doch gesund. Diese Krise ist doch nicht so schlimm.“ Im Inneren wusste ich aber doch, dass ich genau diese Hilfe benötige, um wieder ein selbstbestimmtes, glückliches Leben führen zu können.


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